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Gesellschaft

Der neue Prügelknabe

Die jüngsten Vorfälle in Europa führen zu einer immer stärker werdenden bürgerlichen “Russophobie”, auf die die russische Botschaft in Deutschland bereits reagiert.

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Meldungen über Übergriffe auf russischstämmige Mitbürger überschlagen sich mit jedem Tag immer mehr.

Plakate, Aushänge, Schilder oder gar Drohbriefe sollen den Unmut der braven Bürger über das Vorgehen der russischen Armee im Nachbarland Ukraine zum Ausdruck bringen – doch gegenüber wem?

Ein neues Feindbild ist geschaffen!

Es scheint gänzlich egal zu sein, wie lange der russischstämmige Nachbar oder Bekannte, Freund, angeheirateter Verwandter bereits hier in Deutschland lebt — die Wut muss raus und wer würde sich heute besser dafür eignen, als „der Russe“ und alles „russische“?

So erreichen uns Bilder wie übereifrige Bäckereibetreiber aus Schutterwald das Wort „russische“ von Preisschildern verbannen und den Zupfkuchen „nackig“ stehen lassen. Waren der russischen Küche werden reduziert abverkauft und nicht mehr nachbestellt, um „diesen russischen Lieferanten nicht mehr [zu] unterstützen“. Wen interessiert es schon, dass diese bösen Lebensmittel nicht aus Russland geliefert, sondern meistens hier in Deutschland produziert werden?

Lebensmittelmärkten, in denen russischstämmige Mitbürger arbeiten oder die von diesen betrieben werden, werden die Scheiben eingeschlagen oder diese werden mit Farbe übergoßen — NRW lässt grüßen.

Linienbusse werden fahruntauglich gemacht (Scheiben werden eingeschlagen), damit die russischstämmigen Busfahrer ihrer Arbeit nicht nachgehen können — die Bürger des Städtchens werden bestimmt nichts dagegen haben, dass etliche Linienbusse ausfallen werden. Hauptsache, diese Russischstämmige..! (Alle 29 Linienbusse eines Russischstämmigen Betreibers wurden in der Nacht zum 1. März in Hittfeld, Stade demoliert.)

Doch wem genau schaden all diese braven Bürger letzten Endes?

Wie der eine kleine Junge aus einem russischen Sprichwort, wollen immer mehr Menschen hier in Deutschland „sich die Ohren abfrieren“, nur um die Russen „zu ärgern“. [rus. Sprichwort: „Ich friere mir die Ohren ab, um meine Großmutter zu ärgern“] Manche Nachbarn und Bekannte gehen dabei soweit, dass sie ihren Unmut sogar auf Kindern auslassen — wie die eine Nachhilfelehrerin aus dem online kursierendem Video, die einem ihrer russischstämmigen „Schützlinge“ wegen seiner Lieblingsjacke aus der letzten olympischen Saison mit der Aufschrift „Russland“ drauf, den Unterricht und Zutritt verboten hatte.

Deutschlands Außenministerin Annalena Baerbock, bezieht in dieser gesamten Angelegenheit Stellung und erinnert die Bürger am 3. März 2022: „Wer Belaruss*innen oder Russ*innen in Deutschland anfeindet, der greift nicht nur unsere Mitbürger*innen an, sondern auch die Grundprinzipien unseres Zusammenlebens. Wir halten zusammen. Wir sind stärker als der Hass.“

Die Botschaft der Russischen Föderation veröffentlichte am 3. März 2022 auf ihrer Seite im Internet einen Aufruf an russischstämmige Bürger alle Übergriffe und Diskriminierungsfälle an die extra dafür eingerichtete E-Mail-Adresse für weiteres Vorgehen zu melden.

„Russische Botschaft in Deutschland

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger! 

Angesichts der dramatischen Zunahme von Fällen der Verfolgung russischsprachiger Bürger vor dem Hintergrund des eskalierenden Konflikts in der Ukraine richtet die Botschaft einen speziellen Rückkanal für russische Landsleute ein. Bürger, die gemobbt, belästigt, bedroht, überfallen oder körperlich angegriffen werden, sollten solche Vorfälle unverzüglich unter Angabe ihrer Kontaktdaten an die E-Mail-Adresse der Botschaft sos@russische-botschaft.de melden.“

Mit steigender Tendenz werden die russischstämmigen Mitbürger dazu offen aufgefordert oder durch sozialen Druck dazu gedrängt, sich von ihrem Heimat- bzw. Geburtsland zu distanzieren. Nicht nur kleinheimlich im Privaten, sondern auch im öffentlichen Raum, am besten medial wirksam, bedrängt man die Russischstämmigen, sich für ihre Herkunft oder Liebe zum Heimatland zu rechtfertigen oder gar zu schämen. Sogar in vermeintlich politikfreien Sport oder Kultur. Sportler werden ausgeschlossen und Kulturveranstaltungen werden abgesagt.

Als Beispiel wären da die „Gesellschaft zur Förderung der deutsch-russischen Beziehungen Münster/Münsterland e.V.“, die Filmwerkstatt Münster e.V. und das Filmmuseum Düsseldorf, die am 4. März bekannt gaben, dass die jährlich stattfindenden „Russischen Filmtage“, die vom 6. bis zum 27. März 2022 in Münster und vom 5. bis zum 28. März 2022 in Düsseldorf stattfinden sollten, bis auf Weiteres abgesagt werden.

Somit wird den russischstämmigen Mitbürgern eine Kollektivschuld auferlegt und immer mehr von ihnen werden von der Bevölkerung unter Kollektivstrafe gestellt.

Doch erinnern wir uns, was die Kollektivschuld überhaupt ist. Es ist nicht einfach nur ein Begriff, sondern ein Kriegsverbrechen per Definition, wie eines der auf „Telegram“ kursierenden digitalen Flyer trefflich anmerkt.

In Sozialen Netzwerken versuchen die russischen Mitbürger einander Mut zu machen und erinnern einander sogar an Gesetze und Artikel des Strafgesetzbuches, mit denen sie sich gegen Übergriffe wehren können. Immer mehr Anwälte bieten gezielt ihre Dienste an, um der Willkür rechtliche Abhilfe zu verschaffen.

Andere (russischstämmige) Mitbürger organisieren sich unter einander, um auch den russischen und belarußischen Menschen zu helfen, die zu Geiseln der Situation auf den Autobahnen wurden. Russische und belarußische LKW-Fahrer können nicht mehr über ihre Karten auf ihre Konten bei russischen Banken zugreifen und sich somit etwas zu essen kaufen, sollen improvisierte Verpflegungstüten bekommen. Doch damit ist es nicht getan.

Ein beängstigendes Drama entwickelt sich auf den Autobahnen Deutschlands.

Immer mehr LKWs von Fahrern russischer oder belarußischer Abstammung werden auf Rasthöfen von Unbekannten demoliert, auf den Fahrbahnen belästigt, bedrängt oder mit Flaschen beworfen. Die Fahrer selbst werden nicht nur verbal, sondern auch körperlich angegriffen, mit Fäusten und Messern.

Deutschrussische Kollegen versuchen sich unter einander abzusprechen, um die russischen Kollegen an den Raststätten aufzufinden, Hilfe zu leisten.

„Es ist schwer keine Selbstjustiz zu üben, aber wir verstehen, dass es Provokationen sind, um später sagen zu können, dass diese Russen überall auf Krawall seien, sobald wir gebührend zurückschlagen würden. Wir sprechen uns unter einander ab, jeden solcher Übergriffe der Polizei zu melden, damit diese inadäquaten Menschen an Recht und Ordnung erinnert werden,“ teilt uns Eugen Spät mit, einer der russischstämmigen LKW-Fahrer.

Wofür genau ist das ein Zeugnis, dass die Botschaft eines Landes in einem anderen Land solche Warnungen und Aufrufe schalten muss … ? Warnungen über Übergriffe der Ethnie nach. Schon allein die Tatsache. 

Immer mehr Parallelen zu Ereignissen vor 85 Jahren drängen sich auf und so fragen wir uns immer lauter – ist der Russe der neue Prügelknabe?

Wie weit soll das noch getrieben werden?

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