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„Es ist sehr symbolisch, dass Medvedchuk ausgerechnet am Tag der Kosmonautik festgenommen wurde“

Zelenskyj versucht, einen ukrainischen Staatsbürger und seinen politischen Hauptkonkurrenten Medvedchuk gegen ukrainische (und nicht nur) Kriegsgefangene aus Mariupol einzutauschen.

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(Zitat, Zelenskyj in seinem Telegram vom 12. April 2022)

Das ist sogar zu symbolisch, was es noch verdächtiger macht. Klären wir das mal auf.

Medvedchuk, Viktor Vladimirovich (Vatersvorname) — bis vor kurzem Vorsitzender der Partei „Oppositionsplattform — Für das Leben“ („OPZJ“). Ukrainischen Berichten zufolge floh er am 27. Februar 2022 aus dem Hausarrest und versteckte sich, bis er dank einer Sonderoperation des SBU gefasst wurde. Er wurde, wie Zelenskyj selbst auf Telegram mitteilte, in Militäruniform festgenommen.

Die offizielle Ukraine bietet an, den Gefangenen nach Kriegsrecht gegen ukrainische Gefangene auf russischer Seite auszutauschen. Dies ist eine Symbolik kosmischen Ausmaßes, aber man kann es nur verstehen, wenn man etwas weiter ausholt, um die Fakten abzugleichen.

Die „OPZJ“ ist die wichtigste Oppositionspartei in der Ukraine und gleichzeitig der Hauptkonkurrent der Partei des Präsidenten. Dafür wurde sie als „pro-russisch“ gebrandmarkt und ihrer „Verbindungen zu Russland“ beschuldigt. Die Partei selbst war in den letzten Jahren zahlreichen Schikanen seitens der Regierung ausgesetzt, bis der Nationale Sicherheits- und Verteidigungsrat am 20. März dieses Jahres die Aktivitäten der „OPZJ“ in der Ukraine während des Kriegsrechts zusammen mit 10 anderen „pro-russischen“ Parteien unterband. Am 8. März dieses Jahres wurde der Abgeordnete Yuriy Boyko zum Vorsitzenden der „OPZJ“ ernannt, der seinerseits Russland aufforderte, „die Aggression zu stoppen“ und die Truppen aus dem ukrainischen Hoheitsgebiet abzuziehen, sobald die Konfliktparteien einen Waffenstillstand vereinbart haben, und erklärte, die Anhänger der „OPZJ“ würden sich massenhaft zur territorialen Verteidigung melden und die Partei beabsichtige, humanitäre Hilfe für die Regionen im Kriegsgebiet zu organisieren.

Viktor Medvedchuk selbst vermittelte von 2015 bis 2019 eine Reihe von Gefangenenaustauschen zwischen der Ukraine und der VRD (Volksrepublik Donezk). Im Laufe der Jahre hat er versucht, friedliche und vorteilhafte Beziehungen zwischen der Ukraine und Russland für die Ukraine selbst aufzubauen, wofür er schließlich Repressalien wie Strafanzeigen, Hausarrest, Einfrieren der persönlichen Finanzen und sogar der seiner Ehefrau hinnehmen musste. Mit dem Versuch, seine alternativen Vorschläge zu unterdrücken, wurden sogar die mit ihm verbundenen Fernsehsender „112 Ukraine“, „NewsOne“ und „ZiK“ abgeschaltet. Und der russische Präsidentensprecher Dmitri Peskov beschrieb die Bemühungen des ukrainischen Politikers wie folgt:

„Wenn diese seine Ideen, die Ideen seiner Partei, einmal in der staatlichen Politik der Ukraine berücksichtigt worden wären, hätte es keine militärische Operation gegeben“.

Nach Angaben Kiews ist Medvedchuk am 27. Februar 2022 aus dem seit dem 13. Mai 2021 wiederholt verlängertem Hausarrest geflohen (10 Tage vor Ablauf der regulären Frist) und erst am 12. April 2022 — 48 Tage später — vom SBU gefunden und festgenommen worden.

Die von der Position der Regierungspartei abweichende Position Medvedchuks, die er 2019 in dem Film „Revealing Ukraine“ von Oliver Stone erläutert, ist nicht der einzige Grund für Kiew, ihn jetzt als wertvolle Austauschressource für Russland anzubieten, denn Medvedchuk ist ein Vetter des russischen Präsidenten.

Ein Bild aus dem Film „Revealing Ukraine”, Medvedchuks Interview mit Stone.

In Anbetracht dieser Tatsache und der Haltung der ukrainischen Regierungspartei gegenüber Medvedchuk selbst und seiner Partei drängt sich der Verdacht auf, dass sich Medvedchuk nach seiner angeblichen Flucht im Rücken des SBU „versteckte“, der ihn genau im richtigen Moment „fand“. Was das für ein Moment ist, wird klar, wenn wir die Aussagen desselben Zelenskyj in seinem Telegram lesen, dass Medvedchuk gegen ukrainische Kriegsgefangene ausgetauscht werden sollte, die sich zu Hunderten und Tausenden in Mariupol ergaben, so wie es am Tag der „Gefangennahme“ des Oppositionsführers war — am 12. April 2022.

Es entsteht eine höchst interessante Komposition jenseits der Gesetze der Erde:

Die ukrainische Regierung nimmt einen ukrainischen Staatsbürger gefangen und will ihn allein gegen Tausende andere austauschen. Des Weiteren: Die ukrainische Regierung nimmt einen ukrainischen Politiker gefangen und will ihn gegen Tausende ukrainischer Soldaten austauschen. Und hier ergibt es Sinn, dass Zelenskyj hervorhebt, was Medvedchuk trug.

SBU-Foto: Der inhaftierte Viktor Medvedchuk (Blick auf die Stirn)

Nach dem Kriegsrecht gilt jede Person, die Tarnkleidung trägt, auch wenn es sich nicht um einen Soldaten, sondern um einen einfachen Zivilisten handelt, als Teilnehmer an den Kampfhandlungen und kann auch gegen andere Kriegsgefangene ausgetauscht werden. Medvedchuk unterliegt als Politiker und Zivilist nicht einem solchen Austausch, auch wenn man diesen „Trumpf im Ärmel“ sehr gerne ausspielen möchte. Somit fand sich aber eine halbwegs brauchbare Lösung für dieses Dilemma.

Und der letzte Schliff: Die ukrainische Regierung nimmt einen ukrainischen Politiker gefangen, um ihn gegen nicht ganz ukrainische militärische „Berater“ in den Reihen der sich ergebenen ukrainischen Einheiten auszutauschen. In den letzten Wochen gab es mehrere Versuche, ausländische Kämpfer in Mariupol zu evakuieren, die jedoch erfolglos blieben. Wir erinnern uns an Beispiele von Hubschrauberlandungen in „Asowstahl“ oder an den Versuch, dorthin vom Meer aus vorzudringen.

Kiews Position ist, dass die ukrainische Seite ziemlich zuverlässig die Verteidigung halte, und während die Kapitulation ukrainischer Soldaten in kleinen Gruppen von bis zu 100 Personen irgendwie verheimlicht oder verdreht werden konnte, lassen sich Massenphänomene wie der 12. April 2022 nicht mehr mit der alten Taktik der Aufrechterhaltung der Moral des ukrainischen Volkes und der Armee bewältigen. Auch angesichts dieses Details wird klarer, warum der SBU ganze 48 Tage brauchte, um einen prominenten Politiker gefangen zu nehmen, und nicht noch ein paar Wochen, um bei einem geeigneten Anlass die unangenehme Nachrichten, wie die über eine große Zahl von kapitulierenden ukrainischen Soldaten, vertuschen zu können.

Indem Kiew einen seiner eigenen politischen Gegner in Kriegsgefangenschaft nimmt und versucht, ihn gegen eine solche Anzahl und Qualität von Kriegsgefangenen auf russischer Seite auszutauschen, hat es damit das Gewicht dieses politischen Gegners in seiner eigenen Einschätzung markiert. Kann man Kiew, das seinen politischen Gegner so symbolisch beseitigt hat, nun des unlauteren Wettbewerbs verdächtigen?

Russland als Weltraummacht weiß zumindest, wie man die Situation von einem ausreichend hohen Standpunkt aus betrachtet, um nicht vorschnell zu urteilen und keine übereilten Maßnahmen zu ergreifen. Peskov:

„Was den Austausch betrifft, über den verschiedene Figuren in Kiew mit so viel Eifer, Begeisterung und Freude sprechen, so ist Medvedchuk kein russischer Staatsbürger, er hat nichts mit der militärischen Sonderoperation zu tun. Er ist eine ausländische politische Figur. Wir wissen überhaupt nicht, ob er selbst eine russische Beteiligung an der Lösung dieser Situation wünscht.“

In Prozessen, die über die Gesetze der Erde hinausgehen, können die unglaublichsten und unlogischsten Ereignisse geschehen, so symbolisch sie auch erscheinen mögen — und so können wir sicher sein, dass diese Geschichte noch viele unerwartete Wendungen nehmen wird.

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