Verbinden Sie mit uns

Gesellschaft

Wenn Kriegsmädchen schreiben

Immer wieder in Kriegszeiten müssen sogar Kinder auf die ihnen mögliche Weise für sich selbst einstehen, weil Erwachsene versagen.

Veröffentlicht

auf

Faina Savenkova (Lugansk 2014-dato)

Tatjana Saviceva (Leningrad 1941 -42)
Anne Frank (Amsterdam 1942-44)

Ein Mädchen versteckte sich über zwei der Kriegsjahre in einem Haus in Amsterdam (Niederlande) und alle Generationen lesen nun aufgearbeitet wie es in diesem Krieg für dieses Mädchen zuging. Unter ihren Umständen schrieb sie ihre Geschichte in ein Heft. Daraus wurde das „Tagebuch der Anne Frank“.

Im selben Krieg, jedoch ein Jahr zuvor schrieb ein anderes Mädchen rund 2.000 Kilometer entfernt im umzingelten Leningrad (Sankt Petersburg, Russland) das, was sie noch unter ihren Umständen schreiben konnte. Auf den wenigen Blättern eines Notizhefts, welches ihr zur Verfügung stand, führte sie das Todesregister ihrer Familie. So können nun alle Generationen dieses „Deathnote“ von Tatjana Savicheva im Stadtmuseum von Sankt Petersburg sehen.

Diese beiden gleichaltrigen Mädchen verschriftlichten ihre Realität von entgegengesetzten Seiten Deutschlands im Versuch den Krieg, in dem sie sich auf einmal wiederfanden, zu verarbeiten. Das war ein Krieg vor langer Zeit. Aus heutiger Sicht. Heute haben wir kaum Bezug mehr zu diesen Ereignissen, denn der Krieg ist weder hier noch jetzt.

Der Krieg ist heute. Auch wenn er rund 2.000 Kilometer von Deutschland entfernt und außerhalb der Europäischen Union ist, so wütet er im geografischen Europa, gerade mal ein Land weiter weg. Es ist das Land von dem wir im regulären Mediengeschehen kaum etwas gehört hatten und dank der breiten medialen Beleuchtung spätestens seit 2014 wissen, wo und wie zerrissen es ist. Es sei jedem selbst überlassen über die genauen Geschehnisse zu recherchieren, um sich für eine eigene Sicht der Dinge zu entscheiden. Ob von Außerhalb oder durch innere Unruhen angezündet — Fakt bleibt: es gibt einen faktischen Krieg im Osten des besagten Landes, wo heute ein zwölfjähriges Mädchen um ihre Realität im Kriegsgeschehen schreibt.

Während des Krieges im Donbass zerstörtes Wohngebäude. Lyssytschansk, Gebiet Lugansk.

Heute schreiben wir lange nicht mehr 1940-er Jahre und heute haben wir ganz andere technische Möglichkeiten zur Verfügung, als die erwähnten Mädchen, Tanja und Anne, damals. Heute kann ein Mädchen in einer Kriegsrealität etwas schier unmögliches vollbringen. Sie kann mehr schreiben, als ein Familientodesregister oder ein Tagebuch. Ein Mädchen kann heute aus einem Krieg heraus einen Brief an den UN-Generalsekretär Antonio Guterres schreiben, in dem Versuch sich selbst und andere Kinder, wie sie es ist, zu schützen, wenn Erwachsene versagen:

„Hallo!

Mein Name ist Faina Savenkova, ich bin 12 Jahre alt und wohne in Luhansk. Leider verlief mehr als die Hälfte meines Lebens im Krieg und ich weiß kaum noch, was ein friedliches Leben ist. Darüber schreibe ich in meinen Essays, die in viele Sprachen übersetzt und in verschiedenen Teilen der Welt veröffentlicht werden. In meinen Texten fordere ich ein Ende des Krieges im Donbass und ein Ende des Leidens der Zivilbevölkerung, einschließlich der Kinder. Ich weiß, dass Erwachsene diejenigen schützen sollten, die sich aufgrund ihres Alters nicht selbst schützen können. Deshalb habe ich am Weltkindertag einen Appell an die UNO gerichtet, damit sie den Beschuss stoppt und Leben rettet. Doch der Krieg geht weiter.

Vor kurzem hat die ukrainische Website „Mirotvorec“ [red. Friedensmacher] meine Daten und die meiner Verwandten auf einer Liste von Feinden der Ukraine veröffentlicht. Ich wurde beschuldigt, mich an anti-ukrainischen Propagandaaktivitäten zu beteiligen und „gefälschte“ Informationen zu verbreiten. Dies ist eine Lüge, mit der versucht wird, die Bevölkerung der Ukraine dazu zu bringen, mich zu hassen, mich einzuschüchtern und meinen Namen zu beschmutzen. Jetzt fürchte ich um mein Leben, meine Gesundheit und die Sicherheit meiner Familie.

Am 13. Oktober 2021 richtete ich einen öffentlichen Appell an den ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky, die Webseite „Friedensmacher“ zu sperren, da sie gegen das Gesetz über personenbezogene Daten verstößt, worüber in den Medien wiederholt berichtet wurde. Die „Friedensmacher“-Webseite ist jedoch weiterhin in Betrieb. Außerdem werden ständig Informationen über meine Familie aktualisiert und ergänzt, was mir und meinen Angehörigen schadet. Das Schlimmste ist, dass ich nicht das einzige Kind bin, das der Aggression der erwachsenen Betreiber der „Friedensmacher“-Webseite zum Opfer gefallen ist. Es ist nicht das erste Mal, dass „Friedensmacher“ die persönlichen Daten von Kindern wie mir ohne schriftliche Zustimmung veröffentlicht, sie unter psychischen Druck setzt und ihre Sicherheit gefährdet.

Ich habe viel über die Hilfe von UNICEF für Kinder in der ganzen Welt gelesen und möchte Sie daher bitten, die ukrainische Regierung zu unterstützen und zu beeinflussen, die Webseite „Friedensmacher“, ihre „Spiegel“-Kopien und Konten in allen sozialen Netzwerken so schnell wie möglich zu sperren, um die Sicherheit von Minderjährigen zu gewährleisten, ihre Rechte zu respektieren und das Leben vieler Kinder zu retten. Bitte fordern Sie auch UNICEF auf, über die Rechte der Kinder zu wachen und sofort zu reagieren, wenn Webseiten wie „Friedensmacher“ auftauchen. Bitte tragen Sie dazu bei, dass die ukrainische Regierung ihre Gesetze durchsetzt und nicht das Leben von Kindern gefährdet, indem sie nicht auf die Arbeit von „Friedensmacher“ reagiert. Kinder sollten nicht wegen der politischen Ansichten der Erwachsenen Opfer von Schikane und Gewalt werden.

Hochachtungsvoll,

Faina Savenkova“

Ein Mädchen kann sogar einen Briefwechsel mit Administrationen von hochrangigen Politikern der Europäischen Union, wie der des französischen Präsidenten Macron, führen. Nur was genau hilft das in der Realität, wenn die Bomben weiter explodieren und die Bombenwerfer die Botin, die über diese Zustände berichtet, an den Pranger stellen?

Seit dem 2. Juni 2014 lebt das Mädchen in einem Krieg, der zu einem Krieg gegen Kinder zu werden droht. Es scheint nicht mehr zu reichen Kinder, wie üblich, vorweg zum Kollateralschaden zu verbuchen, der heutige Krieg erklärt sie nun auch zu Feinden. Hier ein Auszug von der offiziellen Homepage des ukrainischen sogenannten „Friedensmachers“ als Unterschrift unter jedem Steckbrief: „Das „Mirotvorec Zentrum“ bittet die Strafverfolgungsbehörden, diese Veröffentlichung auf der Webseite als eine Anzeige zu betrachten, dass dieser Bürger vorsätzliche Handlungen gegen die nationale Sicherheit der Ukraine, den Frieden, die Sicherheit der Menschheit und die internationale Rechtsordnung sowie andere Straftaten begangen hat“.

Eine junge Schriftstellerin, die in ihren jungen Jahren ein Ventil im Schreiben gefunden hat und ihre ersten Erfolge in der örtlichen Welt der Literatur erlangt (seit August 2019 jüngstes Mitglied der Schriftsteller-Union der Lugansker Volksrepublik), Unterstützung und Hilfe findet, um ihre Geschichten eines Kriegskindes der Welt zu erzählen. Ihre Essays, Märchen und sogar Theaterstücke wurden in verschiedenen Literaturzeitschriften, Zeitungen, Sammelbänden und auf Online-Plattformen in Russisch, Englisch, Französisch, Italienisch, Serbisch, Bulgarisch sowie Tschechisch publiziert und mehrfach prämiert.

Auch wenn unter den gegebenen Umständen der kriegerischen Handlungen im Donbass [red. Ostukraine], unterstützt die Familie von Faina sie in ihrer Leidenschaft, wofür manche Familienmitglieder auch auf der „Mirotvorec“-Seite unter dem Stichpunkt „Unter dieser Adresse sind wohnhaft gemeldet: […]“ Erwähnung finden. Doch ihre mutige Mutter Natalia und der ältere Bruder Matvej lassen sich von anonymen VMs nicht einschüchtern. Sie fahren die junge Autorin zu literarischen und journalistischen Veranstaltungen und unterstützen sie in ihrer Zusammenarbeit mit dem russischen Autor Aleksandr Kontorovich. In Zusammenarbeit mit dem Sciencefiction-Autor veröffentlichte Faina Savenkova im Mai diesen Jahres ihr erstes richtiges Buch, den Roman „Die hinter deiner Schulter stehen“.

„Die hinter deiner Schulter stehen“ in der Originalsprache (Russisch)

Das ist der erste Roman, der Faina auf den Geschmack größerer Veröffentlichungen brachte und so arbeitet sie bereits an einem weiteren. Weitere Projekte stehen im Raum und werden bestimmt mit Hilfe von Menschen, denen die verloren geglaubte, als Kollateralschaden abgeschriebene Generation nicht egal ist.

So könnte die junge Autorin in einer hoffentlich baldigen Zukunft alle Ängste ums eigene Leben ablegen, an ihre heutige Vergangenheit zurückdenken und einen zusammenfassenden Rückblick verfassen. Doch bis dahin schreibt Faina in ihrem Essay „Das Kinderlachen des Krieges“:

„ […] Ich bin jetzt 12 [red.] Jahre alt. Ich lebe in Luhansk und weiß, was ein Beschuss oder ein Luftangriff ist. Die Hälfte meines Lebens ist Krieg. Ich weiß nicht, wie sich Kinder wie ich in jenem schwierigen und schrecklichen Jahr ’41 gefühlt haben, aber ich denke, es ist ähnlich wie das, was die Kinder in Luhansk und Donezk jetzt erleben. Manchmal möchte ich wirklich einen Brief an meine Gleichaltrigen aus dem Jahr 1941 schreiben. Ihnen viele aufmunternde Worte sagen, aber dann erinnere ich mich an ihren Lebensweg und stelle fest, dass ihr Durchhaltevermögen und ihre Selbstlosigkeit jeder beneiden könnte. Das Leben von Kriegskindern ist keine Geschichte der Verzweiflung, es ist eine Geschichte der Hoffnung, auch wenn sie voller Tragödien ist. Damals wie heute wissen wir vielleicht nicht, was uns morgen erwartet und ob wir ein Morgen haben werden, aber wir gehen mit Zuversicht voran. Wir sind nicht zusammengebrochen und werden jeden Tag stärker, denn Stärke liegt uns im Blut“.

Copyright © 2022. Берлинский Телеграф