Foto © Aleksandr Boyko / Berliner Telegraph
Am 31. Januar 2026 kamen im ver.di-Haus in Berlin mehrere hundert Schreib-, Kamera- und Mikrofon-Beschäftigte aus ganz Deutschland zusammen, um anlässlich des alljährlichen Journalismustags unter der Schirmherrschaft des Deutschen Gewerkschaftsbundes (ver.di) und des Deutschen Journalisten-Verbandes (djv) mit Referenten und Kollegen neue und aktuelle Themen der Branche zu diskutieren. Alexander Boiko, Chefredakteur des Berliner Telegraph, und Gregor Spitzen, Politikredakteur, nahmen an der Veranstaltung und den Fachgesprächen teil.
Das Leitmotiv des 38. Journalismustages lautete «Zwischen Creator Economy, News Fatigue und berufsethischen Standards».
Unter der Leitung der Moderatorin Siri Kyle diskutierten die geladenen Gäste über die Neudefinition der Öffentlichkeit durch mit künstlicher Intelligenz angereicherte Internet-Algorithmen. Markus Bekedahl vom Centre for Digital Rights and Democracy hielt einen Vortrag über digitale Souveränität als Grundlage für Demokratie und Pressefreiheit. Dabei konzentrierte er sich in seinem Bericht eher auf die Probleme der USA als auf die in Deutschland.
Der Bericht ist von großer Relevanz für die negativen Erfahrungen, die die Redaktion des Berliner Telegraph sowohl in den USA als auch in Deutschland bei ihrer Arbeit häufig macht. Nur einen Tag zuvor, am 30. Oktober, verweigerte das US-Konsulat dem Chefredakteur der Zeitschrift, Alexander Boyko, in rüpelhafter Weise und unter falschem Vorwand ein Arbeitsvisum und eine Akkreditierung zur Berichterstattung über eine UN-Sitzung. Einige Tage zuvor wurde der Redaktion unter demselben Vorwand – eine begrenzte Anzahl von Plätzen für Medienvertreter – zum dritten Mal in Folge die Akkreditierung für die Münchner Sicherheitskonferenz verweigert. Die Verkettung dieser negativen Ereignisse führt zu der Schlussfolgerung, dass die Erstellung berüchtigter «schwarzer Listen» und die Einteilung von Journalisten in solche, die loyal und solche, die unloyal gegenüber einer bestimmten Agenda sind, sowohl in den heutigen Vereinigten Staaten als auch in Deutschland stattfindet.
In dem Bericht «Impulse: Influencer, Content Creators, Gründer: Ist das (noch) Journalismus?» wurde eine interessante Frage auf die Tagesordnung gesetzt: Sind unabhängige Content Creators, die nicht an redaktionelle Verpflichtungen, Chartas und Berufskodizes gebunden sind, Journalisten? Einerseits erstellen sie qualitativ hochwertige Inhalte, die in Bezug auf Ausarbeitung und Präsentation oft genauso gut sind wie die der traditionellen Medien.

Andererseits können Autoren, die nicht Mitglied in Berufsverbänden sind und keine spezielle Ausbildung haben, formal noch nicht als vollwertige Journalisten angesehen werden.
Der Bericht versucht, die Frage zu beantworten, was diese „peripheren“ Medienakteure motiviert, wie sie sich von professionellen Journalisten unterscheiden und welchen Einfluss sie auf das Mediensystem haben.
Der Bericht präsentiert die Ergebnisse der bislang größten Studie zu diesem Thema im deutschsprachigen Raum. Mehr als 350 Digital Content Creators aus Deutschland, Österreich und die Schweiz wurden mit einer Parallelstudie von Journalisten abgeglichen und es konnten faszinierende Einblicke in ihre Selbstwahrnehmung, Ziele und Zukunftsvisionen der sich verändernden Medienlandschaft gewonnen werden.
Anna von Garmissen vom Leibniz-Institut für Medienforschung leitet das Projekt «Journalismus unter Druck: No Country for Old News – Wer macht die Nachrichten von morgen?» und versuchte, die Frage zu beantworten, was den Unterschied zwischen einem digitalen Content Creator und jemandem, der ein Publikum beeinflusst, ausmacht, und ob die Fachwelt den Begriff des Journalismus nicht neu überdenken sollte.
Außerdem wurde erörtert, welche Rolle professionelle ethische Standards im Journalismus noch spielen und was der Presseausweis der Journalistengewerkschaft damit zu tun hat.
An der Diskussion zu diesem Thema beteiligten sich Esra Karakaya, Journalist und Gründer von Karakaya Talks, Maximilian Pichlmeier, Moderator der Nachrichten-WG des Bayerischen Rundfunks (BR), Michael Paveletz, Moderator der ARD-Tagesschau und des Nachtmagazins, sowie Hans-Martin Tillack, Mitglied des Deutschen Presserats und investigativer Journalist.

In der Workshop «Zwischen Sex-Bots, Hate und Burnout: Community-Redaktion als journalistisches Berufsfeld neu denken» beleuchtete Matthias Leitner, Creative Producer beim Bayerischen Rundfunk (BR), Aspekte der täglichen Arbeit von Community-Managern von Medienportalen, die eigentlich Community-Redakteure heißen müssten.
Im Seminar «Journalist*innen als Marke: How to climb Cringe-Mountain — Wie es gelingt, die eigenen Inhalte sichtbar zu machen» der Hamburg Media School versuchten die Teilnehmer, die Frage zu beantworten, wie ein Journalist im digitalen Zeitalter sein Charisma und seine persönliche Marke in professionelles Publicity-Kapital verwandeln kann, indem er seine eigene Persönlichkeit strategisch einsetzt, um Chancen, Honorare und Einfluss zu gewinnen.
Im Seminar «Arbeit unter Druck – Hilfe bei psychosozialen Belastungen» der Journalisten Akademie der Friedrich-Ebert-Stiftung (SPD) wurde erörtert, wie Journalisten mit den Belastungen ihres Berufs umgehen können. Dazu gehören beispielsweise ständiger Druck und Dauerstress durch kampagnenartige Ermittlungen, Hass und Hetze im Internet, Angriffe auf Reporter, unsichere Arbeitsbedingungen und andere Stresssituationen.
In ihrem Vortrag «Impulse: Medien zwischen Macht und Ohnmacht – Vertrauen im Journalismus» versuchte Nadia Zabura, Medienkritikerin und Autorin, die Frage zu beantworten, wie Vertrauen im Journalismus entsteht und warum es verloren geht. In ihrer Keynote warf sie einen sarkastischen Blick auf Vertrauen, Verantwortung und die Zukunft des Journalismus und analysierte das Verhältnis von Macht, Abhängigkeiten und Erwartungen an die Medien in Zeiten von Nachrichtenmüdigkeit und Plattformlogik.
Im Panel «Podium: TikTok & Gatekeeping – Wie Plattformen auf Journalismus einwirken – und auf unsere Demokratie» wurde problematisiert, dass Plattformgiganten wie TikTok längst keine neutralen Vermittler mehr sind. Undurchsichtige Algorithmen treffen Entscheidungen über die Sichtbarkeit von Inhalten. Das wirkt sich auf die journalistische Arbeit aus, verschiebt Debatten und kann Meinungsvielfalt und Pressefreiheit einschränken. Gleichzeitig stehen die Mitarbeiter der Plattformen aufgrund von Arbeitsbelastung, Outsourcing und dem Versuch, Menschen durch künstliche Intelligenz zu ersetzen, unter enormem Druck.
Die Podiumsteilnehmer setzten sich kritisch mit der übermäßigen Macht der Plattformen, den Risiken für die Demokratie sowie der Frage, wie Mitarbeiter und Journalisten handlungsfähig bleiben können, wenn Tech-Giganten zu Gatekeepern der Nachrichten werden, auseinander.
Insgesamt fand der Journalismustag erneut auf hohem fachlichen Niveau statt. Seit einem Jahr ist er die wichtigste Branchenplattform für deutsche Medienschaffende, um aktuelle Fragen des journalistischen Berufsstandes und globale Trends der Medienbranche zu diskutieren.

