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Берлинале

Berlinale 2022: “All you need is love”

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Unsere Autorin Nataliia Zhuk wird regelmäßig von den Berlinale Filmfestival berichten, das am 10. Februar anfängt. Und bevor es richtig losgeht, hier ist ihr ultimativer Ratgeber zu den potenziell spannendsten Filmen des kommenden Festivals.

Während der Pressekonferenz zur Programmankündigung sagte der Kreativdirektor der Berlinale, Carlo Chatrian, dass die diesjährige schwierige Auswahl wie keine andere zuvor mit Filmen über die Liebe gefüllt ist.

Seit Montag, dem 7. Februar, läuft der Vorverkauf für die 72. Berlinale — auch bekannt als Berlinale 2022 — und wir haben für Sie einen Leitfaden mit den Filmen zusammengestellt, die wir aus Publikums- und Fachsicht für die interessantesten halten.

Und lassen das vielfalt der Liebe auf dem Bildschirm alles zu überwältigen.

Beginnen wir also mit den Filmen, die im Hauptwettbewerb der Berlinale um den Silbernen und den Goldenen Bären kämpfen werden.

Die Premieren dieser Filme finden traditionell im Berlinale Palast statt — in der Öffentlichkeit besser bekannt als «Theater am Potsdamer Platz».

“Peter von Kant”

Für Liebhaber des Regisseurs François Ozon, von Denis Menochet und Isabelle Adjani und, ja, des französischen Humors, ist der neue Film des Regisseurs, “Peter von Kant”, ein frei empfangbares Remake des gleichnamigen Fassbinder-Klassikers.

A E I O U – Das schnelle Alphabet der Liebe

von Nicolette Krebitz

mit Sophie Rois, Udo Kier, Milan Herms, Nicolas Bridet

Germany / France 2022

Anna (Sophie Rois) ist 60 und hat ihre Glanzzeit als Schauspielerin hinter sich. Widerwillig nimmt sie einen Job als Sprachtrainerin für den 17-jährigen Außenseiter Adrian an, der unter einem Sprachfehler leidet. Doch sie erkennt in ihm den Dieb, der ihr kürzlich auf der Straße die Handtasche entrissen hat

«Unwiderstehlich» ist der Begriff, der einem in den Sinn kommt, wenn man diese leichtfüßige und humorvolle Geschichte einer unmöglichen Liebesbeziehung zwischen einem Dieb und einer Dame beschreibt. 

Der frische Atem der Freiheit weht durch eine Erzählung, die Platz für eine Anspielung auf das alte West-Berlin, einige sanfte Sticheleien gegen Deutschlands französische Nachbarn und sogar ein Gespenst bietet, das verjagt wird, um Platz für neue Möglichkeiten zu schaffen. 

Vor allem aber ist A E I O U ein leidenschaftlicher Liebesbrief an Sophie Rois und — vielleicht durch sie — an all die brillanten Schauspieler, die von einer Branche vernachlässigt werden, die allzu sehr auf junges Blut setzt. Nun, es stellt sich heraus, dass diese jungen Akteure, hier verkörpert durch den Newcomer Milan Herms, nicht nur zu ihren erfahreneren Kollegen aufschauen, sondern sie wirklich lieben.

Avec amour et acharnement (Both Sides of the Blade)

Frankreich

von Claire Denis

mit Juliette Binoche, Vincent Lindon, Grégoire Colin, Bulle Ogier

Sara und Jean leben seit zehn Jahren in einer liebevollen, stabilen Beziehung. Sie sind glücklich. Er ist ihr Fels, jemand, an dem sie sich festhalten kann. 

Als sie sich kennenlernten, war Sara mit François, Jeans bestem Freund, zusammen. Eines Tages sieht Sara François auf der Straße. Er sieht sie nicht, aber sie ist überwältigt von dem Gefühl, dass sich ihr Leben plötzlich ändern könnte. François setzt sich tatsächlich mit Jean in Verbindung und schlägt vor, dass sie wieder zusammenarbeiten. Schon bald drohen die Dinge aus dem Ruder zu laufen.

“Avec amour et acharnement”  ist die dritte Zusammenarbeit von Claire Denis mit der renommierten Autorin Christine Angot, mit der sie bereits “Un beau soleil intérieur” (mit Juliette Binoche in der Hauptrolle) geschrieben hat. 

In einer ebenso mutigen wie engagierten Darbietung erweist sich die Schauspielerin als außerordentlich geschmeidig, wenn ihr Körper zum Terrain für ein fesselndes Theater der emotionalen Gegensätze wird. 

Die präzise Kameraführung von Eric Gautier zeigt uns kontrastreiche Bilder von angenehm ineinander verschlungenen Fingern, aber auch Saras ganzen Körper in Vorwärtsbewegung, der in tiefes, unkontrollierbares Stöhnen ausbricht. 

Umgeben von einer Wand aus leidenschaftlichen Flammen scheinen Denis’ Protagonisten belagert zu werden, scheinbar ohne die Gesellschaft und ihre unerbittliche Tendenz, alle Dinge in gegensätzliche Kategorien einzuteilen.

Les passagers de la nuit (The Passengers of the Night)

Frankreich

von Mikhaël Hers

mit Charlotte Gainsbourg, Quito Rayon-Richter, Noée Abita, Megan Northam, Thibault Vinçon, Emmanuelle Béart

Paris, 1981. In der Wahlnacht weht der Wind des Wandels und die Franzosen stürmen begeistert die Straßen. 

Doch Élisabeth (Charlotte Gainsbourg) fällt es schwer, die allgemeine Aufbruchsstimmung zu teilen. Ihre Ehe geht in die Brüche, und sie muss nun für den Unterhalt ihrer Familie aufkommen. 

Sie ist verzweifelt, und ihr Vater und ihre Kinder im Teenageralter sind besorgt, dass ihre Tränen einfach nicht trocknen wollen. 

Aber was wäre, wenn das Hören auf ihre Gefühle ihr helfen könnte, die leere Seite ihrer Zukunft zu füllen? Was wäre, wenn sie aus einer Laune heraus einen Brief an den Moderator ihrer Lieblingssendung schreiben würde? Oder ein obdachloses Mädchen zu sich nach Hause einlädt? Was würde passieren, wenn sie die Art von Gesten machen würde, die tatsächlich Leben verändern?

In dieser Fortsetzung von Amanda richtet Mikhaël Hers seinen hypersensiblen Blick auf die 1980er Jahre und die scheinbar alltäglichen Momente im Leben einer Familie, die unauslöschliche Erinnerungen prägen. Eine Vielzahl von Figuren bevölkert diese nostalgische Saga der Selbsterfindung. Dies ist ein zutiefst intimer und fesselnder Film, der uns, wenn wir darüber nachdenken, wie wir als Gesellschaft funktionieren, eine Idee davon gibt, warum Liebe wichtig ist.

Un año, una noche (One Year, One Night)

Spanien / Frankreich

von Isaki Lacuesta

mit Nahuel Pérez Biscayart, Noémie Merlant, Quim Gutiérrez

Céline und Ramón sind ein junges binationales Paar, das den Terroranschlag auf das Bataclan-Theater am 13. November 2015 überlebt hat. Diese erschütternde Nacht hat eine offene Wunde in ihrem Leben hinterlassen, und sie kämpfen darum, ein Gefühl der Normalität wiederzuerlangen und die Identität, die ihnen als Opfer zugewiesen wurde, zu überwinden. 

Während Céline ihr Erlebnis verdrängt und sich in ihr altes Leben zurückgestürzt hat, steckt Ramón in der Vergangenheit fest. Beide beschäftigen sich mit der gleichen Frage: Wie können sie überleben und als Paar weiterleben?

Nach den Aussagen des spanischen Bataclan-Überlebenden Ramón Gonzalez ist “Un año, una noche” ein sehr einfühlsames Werk. Der therapeutische Prozess, traumatische Tatsachen in Fiktion zu verwandeln, indem man sie zu Papier bringt, hat diesem jungen Mann offenbar geholfen, in sein Leben zurückzukehren. Die intuitive Regie von Isaki Lacuesta umarmt Realismus und Subjektivität, um das zentrale Paradoxon einer verletzten Psyche anzugehen: das Bedürfnis, sich von der Realität der eigenen Erinnerungen zu lösen, um die Wirklichkeit in den Griff zu bekommen. 

Dank der erstaunlich subtilen und doch explosiv emotionalen Darbietungen von Nahuel Pérez Biscayart und Noémie Merlant werden diese Erinnerungen auch die unseren. Sie lassen uns spüren, dass wir gemeinsam versuchen können, die kollektive Wunde zu heilen.

Un été comme ça (That Kind of Summer)

Kanada

von Denis Côté

mit Larissa Corriveau, Aude Mathieu, Laure Giappiconi, Anne Ratte Polle, Samir Guesmi

Drei hypersexuelle Frauen verbringen 26 Tage in einem ruhigen Haus am See. Sie sind: Léonie (ernst), Eugénie (impulsiv) und Gaëlle alias Geisha (kokett). 

Alle drei sind freiwillig hier. Sie werden von einer Sozialarbeiterin und, weniger eng, von einem Therapeuten betreut. Das Motto der Unternehmung: «Hypersexualität ist keine Krankheit». Das Ziel dieses Experiments ist nicht die Heilung, sondern die offene Erkundung der verschiedenen Erfahrungen, Formen und Extreme des Begehrens. Das Ganze findet halbnackt und vollständig bekleidet, verbal und körperlich, in der Phantasie und in der Realität statt. Dass die Projektmitarbeiter, wenn nicht betroffen, so doch zumindest ein wenig bewegt sind, ist kaum verwunderlich und entspricht der Situation des Zuschauers.

Wie keinem anderen Vertreter des zeitgenössischen Kinos gelingt es Denis Côté, dynamische filmische Räume (Sets, Settings, Konstellationen) zu schaffen, in denen Erfahrungen (psychische, physische, intellektuelle) als Spiel verstanden und gerade deshalb zur Verfolgung der Realität genutzt werden können. Mal in diskreter Distanz, mal in transgressiver Nähe umkreist die Kamera die Protagonisten in diesem Tanz aus Trauma und Begehren. Normen werden dekonstruiert, die Gegenwart wird greifbar und die Zukunft denkbar.

Call Jane

USA

von Phyllis Nagy

mit Elizabeth Banks, Sigourney Weaver, Kate Mara

Joy, eine traditionelle amerikanische Hausfrau der 1960er Jahre, wird unerwartet wieder schwanger. Ein Arzt warnt sie, dass diese späte Schwangerschaft eine ernsthafte Bedrohung für ihr Leben darstellt, aber der ausschließlich männliche Krankenhausvorstand weigert sich, ihr eine Ausnahme von den strengen Anti-Abtreibungsgesetzen zu gewähren. 

Sie weiß nicht, wohin sie sich wenden soll, bis sie auf die «Janes» stößt, eine Gruppe einfacher Frauen im Untergrund, die von Virginia angeführt wird und alles riskiert, um Frauen wie Joy Wahlmöglichkeiten zu bieten. Sie retten ihr nicht nur das Leben, sondern geben ihr auch ein Ziel vor Augen: anderen Frauen zu helfen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Phyllis Nagy, die das Drehbuch zu Todd Haynes’ großartigem Carol (2015) geschrieben hat, hat der einzigartigen Elizabeth Banks die faszinierende Rolle einer bürgerlichen Hausfrau, die zur Frauenrechtlerin wird, auf den Leib geschrieben. 

Ihre nahtlose Darstellung wirkt wie ein ergreifender Appell an alle Frauen, deren Intelligenz durch die Hindernisse des Patriarchats gebremst wurde und leider immer noch wird. 

Stellen Sie sich vor, Banks’ Charisma würde mit dem von Sigourney Weaver, Kate Mara, Wunmi Mosaku und anderen kombiniert. Wenn sie sich zusammentun, wie könnte ein Mann sie aufhalten?

So-seol-ga-ui yeong-hwa (The Novelist’s Film)

Hong Sangsoos neuer (27.) Spielfilm feiert die Schönheit zufälliger Begegnungen und die Bedeutung der Wahrheit in der unehrlichen Welt des Films, während seine Figuren vom Zentrum Seouls in die Peripherie ziehen, um sich selbst und andere wiederzufinden.

Das Wiedersehen der berühmten Romanautorin Junhee mit zwei Bekannten scheint mit einer leichten Verbitterung behaftet zu sein. 

Der erste dieser Kollegen hat das Schreiben aufgegeben, um einen Buchladen am Rande von Seoul zu eröffnen, und hat ihr keine Rückmeldung zu ihrem letzten Buch gegeben. 

Der zweite, ein Filmemacher, hat den Roman von Junhee nie wie geplant verfilmt. Aber das drängendere Problem ist, dass Junhee seit einiger Zeit nichts mehr veröffentlicht hat. Stattdessen hat sie begonnen, ihre Herangehensweise an das Schreiben zu hinterfragen und zweifelt an der Sensibilität, die ihren Stil und ihre charismatische, bissige Persönlichkeit geprägt hat. 

Bei einem Spaziergang im Park mit dem Filmregisseur und seiner Frau trifft sie eine berühmte Schauspielerin, die eine ähnliche Schaffenspause hinter sich hat. Die beiden verbindet eine tiefe Verbundenheit, und schon bald keimt in der Schriftstellerin die Idee für einen Film auf, der ihr erster sein soll.

Berlinale Special und Berlinale Special Gala Programm (Die Premieren finden im  Friedrichstadt Palast statt)

Against the Ice

Island / Dänemark 

von Peter Flinth

mit Nikolaj Coster-Waldau, Joe Cole, Heida Reed, Charles Dance

Die epischen Erzählungen von Polarforschungen sind voller mysteriöser Tragödien. Im Falle von Erfolgen wird die Geschichte von den Protagonisten geschrieben, aber es sind die Misserfolge, die die Gelehrten am meisten interessieren und verschiedene Theorien über das Schicksal von Männern hervorbringen, die nicht in der Lage sind, ihre Niederlagen zu erzählen. 

Dies war der Fall bei der berüchtigten dänischen Expedition im Nordosten Grönlands, die Ludvig Mylius-Erichsen, Niels Peter Høeg-Hagen und Jørgen Brønlund zwischen 1906 und 1908 unternahmen. 

Nur Brønlunds Leiche wurde geborgen, aber der dänische Anspruch auf dieses unerforschte Gebiet, das mit den Vereinigten Staaten umstritten war, hing vom Aufenthaltsort der beiden anderen sowie von ihren Tagebüchern und Karten ab. 

Diese geopolitischen Verwicklungen führten zu einer neuen Mission: Sieben Männer brachen mit der Alabama auf; zwei von ihnen, der ehrgeizige Kapitän Mikkelsen (gespielt von Nikolaj Coster-Waldau, der auch das Drehbuch schrieb) und der unerfahrene Mechaniker Iversen (Joe Cole), brachen wiederholt in die Eiswüste auf. Doch die Bestätigung der Entdeckungen von Mylius-Erichsen und Høeg-Hagen erwies sich als der einfache Teil. Die Reise wurde zu einer Odyssee, die die Grenzen des Überlebens austestete und selbst Legendenstatus erlangen sollte.

À propos de Joan (About Joan)

Frankreich / Deutschland / Irland

von Laurent Larivière

mit Isabelle Huppert, Lars Eidinger, Swann Arlaud

World premiere

Joan Verra, unabhängige Frau und erfolgreiche Verlegerin, fährt in einer regnerischen Nacht mit ihrem Auto, als sie in die Kamera blickt und beginnt, ihre Geschichte zu erzählen. Von Irland, wo sie ihre erste Liebe kennengelernt hat, nach Frankreich, wo sie das Kind aus dieser Beziehung allein großgezogen hat, bewegt sich Joans traumhafte Autobiografie zwischen Abschieden und Rückkehr, durch ein Netz von zersplitterten Beziehungen und lückenhaften Erinnerungen, in deren Mittelpunkt sie selbst steht, mit dem Schmerz, den sie verursacht hat, und dem Schmerz, vor dem sie sich zu schützen versucht hat. 

Joan ist es gewohnt, mit den Geschichten anderer Menschen zu arbeiten, und erzählt schließlich ihre eigene. Sie entfernt sich von der anfänglichen Romanze, reift mit ihrer Protagonistin und entfernt sich von der Glaubwürdigkeit hin zu einem ausgeklügelten Netz von Wahrnehmungen und Zeitebenen, die nostalgische, komische und surreale Akkorde anschlagen. 

Mit einer weiteren Leistung, die ihren Goldenen Ehrenbären der 72. Berlinale rechtfertigt, stellt Isabelle Huppert mit ihrer rätselhaften Mimik und ihren strengen Posen eine Frau dar, die schwer zu vergessen ist, was sich auch in den Blicken der beiden Männer in ihrem Leben widerspiegelt: dem schwer fassbaren Sohn, gespielt von Swann Arlaud, und dem neurotischen Verehrer und Schriftstellerkollegen Tim Ardenne (Lars Eidinger).

Good Luck to You, Leo Grande

Vereinigtes Königreich

von Sophie Hyde

mit Daryl McCormack, Emma Thompson

Nancy Stokes, eine 55-jährige Lehrerin im Ruhestand, hat noch nie einen Orgasmus oder überhaupt befriedigenden Sex erlebt. 

Ihre Ehe war stabil, aber schal, und ihr verstorbener Mann war der einzige Mann, mit dem sie je geschlafen hat. Um das zu ändern, wagt Nancy den Sprung und engagiert Leo Grande, einen Sexarbeiter — oder «Sextherapeuten», wie er es nennt — in seinen Zwanzigern. Doch ihr Plan wird durch eine scheinbar unüberwindbare Ansammlung von inneren Barrieren und Tabus erschwert.

Die australische Filmemacherin Sophie Hyde führt Regie bei diesem äußerst fesselnden Kammerstück, das von der englischen Komikerin Katy Brand geschrieben wurde. 

Die unterdrückte Sexualität der britischen Mittelschicht wird offengelegt und gnadenlos auf die Schippe genommen, verkörpert von einem der sympathischsten Stars des Landes, der fabelhaften Emma Thompson. In einer unglaublich unterhaltsamen und zugleich anrührenden Darstellung lässt sie einen Riss nach dem anderen in einer Schale entstehen, die durch jahrelange, von einer bestimmten Erziehung diktierte Verbote geformt wurde. An ihrer Seite ist Leo Grande von Daryl McCormack mit seinem entspannten und selbstbewussten Auftreten der ideale Partner auf der Suche, oder besser gesagt, der Eroberung, nach dem Recht auf Genuss.

Incroyable mais vrai (Incredible But True)

Frankreich / Belgien

von Quentin Dupieux

mit Alain Chabat, Léa Drucker, Benoît Magimel, Anaïs Demoustier

Alain und Marie besichtigen ein Haus in einem ruhigen Vorort. Der Immobilienmakler warnt sie, dass das, was sich im Keller befindet, ihr Leben auf den Kopf stellen wird. Erstaunt und begeistert von dem, was sie entdecken, beschließt das Paar, das Haus zu kaufen. 

Als Alains forscher Chef und seine Freundin zum Abendessen kommen, ist die Versuchung groß, die unglaubliche (aber wahre!) Information zu teilen. Marie ist jedoch fest entschlossen, es geheim zu halten. Sie ist wie besessen von dem Keller und kann nicht anders, als dort hinunter zu gehen …

Quentin Dupieux, einer der exzentrischsten Schöpfer des Kinos, verfügt über einen scheinbar unerschöpflichen Fundus an bizarren Ideen, die er mit komödiantischer Brillanz ausbaut. Er hat seinen Darstellern wieder einmal großzügig die Gelegenheit gegeben, unvergesslich schräge Figuren zu spielen, und was könnte einem Schauspieler mehr Spaß machen? 

Die beliebten französischen Schauspieler Alain Chabat und Léa Drucker tragen mit ihren jugendlichen Auftritten zu einem satirischen Diskurs über die menschliche Besessenheit bei und verleihen dem Paar, das vor einer ungewöhnlichen Herausforderung steht, ihre sympathischen Züge. Anaïs Demoustiers Darstellung einer promiskuitiven jungen Frau hat genau das richtige Maß an intelligenter Leichtigkeit. Und was kann man über Benoît Magimels schräge Darbietung anderes sagen, als dass es sich um einen Schauspieler auf dem Höhepunkt seiner Karriere handelt, der zu allem fähig ist.

Der Passfälscher (The Forger)

Deutschland / Luxemburg

von Maggie Peren

mit Louis Hofmann, Jonathan Berlin, Luna Wedler

Berlin, 1942. Der junge Jude Cioma Schönhaus weigert sich, sich von den Nazis die Liebe zum Leben nehmen zu lassen. Als er sein Talent zum Fälschen von Dokumenten — insbesondere von Pässen — entdeckt, sieht er darin die ideale Möglichkeit, nicht nur sich selbst, sondern auch anderen zu helfen, der Deportation zu entgehen. 

Dank seiner Fähigkeit, neue Identitäten zu schaffen, wagt er sich aus dem Versteck und umgeht die Behörden mit Erfindungsreichtum und Charme. Er und seine Freunde Det und Gerda verstecken sich im Verborgenen. Cioma erhascht sogar einen zarten Blick auf die Liebe in scheinbar aussichtslosen Zeiten. Doch je mehr Leben das Trio rettet, desto mehr zieht sich die Schlinge um sie zu.

Unter der Regie von Maggie Peren, die auch das Drehbuch geschrieben hat, basiert Der Passfälscher auf einer wahren Geschichte, deren inspirierende Kraft sie hervorhebt und würdigt. Eine der großen Errungenschaften des Films ist seine Besetzung mit den hervorragenden jungen Schauspielern Luna Wedler, Jonathan Berlin und Louis Hofmann in der Rolle des 21-jährigen Fälschers. 

Occhiali neri (Dark Glasses)

Italien / Frankreich

von Dario Argento

mit Ilenia Pastorelli, Asia Argento, Andrea Zhang

In einem fast menschenleeren, sommerlichen Rom, inmitten einer hypnotischen Sonnenfinsternis, beginnt ein mysteriöser Serienmörder, es auf Edelprostituierte abgesehen zu haben. 

Diana ist eine von ihnen. In einem verzweifelten Versuch, ihm zu entkommen, wird sie Opfer eines schweren Autounfalls, der sie blind macht. Nach einer langen Rehabilitationsphase erfährt Diana, dass der einzige andere Überlebende des Unfalls ein inzwischen verwaistes Kind chinesischer Abstammung namens Chin ist, und sie beschließt, sich um ihn zu kümmern.

 Die beiden, die einen unterschiedlichen kulturellen Hintergrund haben, verbindet ein besonderes Band, das es ihnen ermöglicht, sich gegen die Rachegelüste des Serienmörders zu wehren.

Dario Argento kehrt nach einer zehnjährigen Pause mit einem Film ins Regiefach zurück, der die Stimmung der italienischen «Giallo»-Pulp-Fiction seines Frühwerks mit seinem legendären Hauch von Horror vermischt, wenn auch dieses Mal mit einer Dosis scharfer Ironie versehen. Occhiali neri ist eine rasante Fahrt zwischen Stadt und Land, die den sozialen Konflikt zwischen den reichen Vierteln und Roms sogenanntem Chinatown erforscht. Der Blick des Maestros verwandelt diesen Alptraum in reine Geometrie und den Klassenkampf in eine metaphysische Architektur, die an Antonioni erinnert.

The Outfit

USA

von Graham Moore

mit Mark Rylance, Zoey Deutch, Dylan O’Brien

Chicago, 1956. Der ehemalige Savile-Row-Schneider Leonard (Mark Rylance) ist nach einer persönlichen Tragödie in die Windy City umgezogen. Er ist mit der unendlichen Fähigkeit ausgestattet, mit Präzision, Geduld und Sorgfalt maßgeschneiderte Anzüge zu fertigen. Diese wunderschönen Anzüge ziehen bald die Aufmerksamkeit der einzigen Kunden auf sich, die sie sich leisten können: eine Gangsterfamilie. 

Leonard wiederum verhält sich loyal gegenüber dieser Verbrecherbande, angeführt vom Familienoberhaupt Roy Boyle, und verschließt die Augen vor ihren privaten Gesprächen in seinem Geschäft und den geheimnisvollen Paketen, die sie dort zur Abholung bereitlegen. 

Doch die Bande beginnt, Leonards sanftmütige, zuvorkommende Art auszunutzen — und im Laufe einer Nacht, nachdem zwei Killer an seine Tür klopfen und ihn um einen Gefallen bitten, finden sich Leonard und seine Assistentin Mable (Zoey Deutch) tiefer verstrickt, als sie es sich je hätten vorstellen können.

Graham Moores Regiedebüt ist ein straffes und verdrehtes Haus, das von einem brillanten Mark Rylance als Handwerker getragen wird, der die Bedeutung hinter jedem Schnitt seiner Schere kennt und vielleicht noch ein paar Tricks im Ärmel hat …

Graham Moor wurde für sein Drehbuch zu «The Imitation Game» mehrfach ausgezeichnet, darunter 2015 mit dem Oscar für das beste adaptierte Drehbuch. Seine Bestseller-Romane «The Holdout», «The Last Days of Night» und «The Sherlockian» wurden in 24 Ländern veröffentlicht und in 19 verschiedene Sprachen übersetzt. The Outfit ist sein Debütfilm als Regisseur. Er lebt mit seiner Frau Caitlin und ihrem Hund Janet in Los Angeles.

This Much I Know To Be True

Vereinigtes Königreich

von Andrew Dominik

mit Nick Cave, Warren Ellis

Dokumentarfilm

Andrew Dominiks Karriere kreuzt sich mit der von Nick Cave seit dem Film Chopper aus dem Jahr 2000, der von dem ursprünglichen Bad-Seeds-Mitglied Mick Harvey vertont wurde. 

Sieben Jahre später schrieb Cave die Musik für “The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford”, unterstützt von einem weiteren Bandmitglied, Warren Ellis. 

Der nächste Schritt in dieser jahrzehntelangen Freundschaft und Partnerschaft war 2016 der Film “One More Time with Feeling”, in dem Cave sein Album «Skeleton Tree» vorstellte, nachdem er sich nach dem Tod seines Sohnes von allen Promotouren und Interviews zurückgezogen hatte. 

Im Jahr 2021 sah sich Cave erneut außerstande, live auf der Bühne aufzutreten, doch diesmal teilte er sein Dilemma mit Musikern in aller Welt, die aufgrund der Pandemie ebenfalls auf den Kontakt zum Publikum verzichten mussten. 

Und so wird zum zweiten Mal das Kino zum bevorzugten Mittel, um die stimmliche und instrumentale Stille zu durchbrechen. 

Neben Ausschnitten aus Gesprächen und Grübeleien zwischen den Musikern und dem Regisseur fängt Dominiks einhüllende Kamera eine intensive Studiosession mit Cave und Ellis (mit einem Auftritt von Marianne Faithfull) ein, die von Klavier und Streichern dominierte Stücke der letzten Alben «Ghosteen» (2019) und «Carnage» (2021) enthält.

Encounters Program

Flux Gourmet

von Peter Strickland

mit Asa Butterfield, Gwendoline Christie, Ariane Labed, Fatma Mohamed, Makis Papadimitriou

Vereinigtes Königreich / USA / Ungarn 2022

Peter Stricklands fünfter Spielfilm spielt in einem Kunstinstitut, das von einem Ästheten der Oberschicht geleitet wird, der ein kulinarisches Kollektiv eingeladen hat, einen Monat lang seine Praxis des «sonic catering» auszuüben. 

Ein griechischer Schriftsteller, der über den kreativen Prozess berichten soll, leidet an Verdauungsstörungen, woraufhin der sarkastische Arzt der Einrichtung ihm rät, «das Essen seine Medizin sein zu lassen». 

Während seine Darmbeschwerden ihn dazu zwingen, sich sein eigenes Unwohlsein einzugestehen, wird das Kollektiv durch interne Streitigkeiten und externe Angriffe einer Gruppe von sardonischen, abgelehnten Kandidaten unterminiert. 

Das alles mag frivol klingen, ist aber genau das Gegenteil, denn der Film thematisiert nicht nur ein kulinarisches Problem, sondern auch eine Frage der Kunst. Selten hat ein Film Nahrungsmittelunverträglichkeiten und den menschlichen Verzehr so ernst und so wörtlich genommen, und schon gar nicht zu solch halluzinatorischen und alptraumhaften Ergebnissen. 

Mit seiner unnachahmlichen, präzisen und farbenfrohen Gestik bringt Stricklands blutige Komödie das Bild wieder mit jenen organischen Prozessen in Verbindung, die die Kunst normalerweise als unrein und inakzeptabel betrachtet. Nicht als Provokation, sondern um uns daran zu erinnern, dass die Vorstellungskraft nicht als von der natürlichen Welt getrennt betrachtet werden sollte. Wie der Autor zu Beginn sagt: «Jeder Tag im Sonic Catering Institute beginnt mit einem Spaziergang im Park».

Coma

Frankreich

von Bertrand Bonello

mit Julia Faure, Louise Labeque

Die Tochter von Bertrand Bonello ist gerade 18 geworden. Doch der Moment, in dem die junge Erwachsene offiziell beginnt, «ihre Flügel auszubreiten», fällt mit einer globalen Gesundheitskrise zusammen. Eingesperrt im Haus, erlebt sie das Leben in einem Schwebezustand. Zwischen Träumereien und Videochats mit ihren Freunden folgt sie einer Influencerin namens Patricia Coma. Ein Gerät, das sie von ihr kauft, ein sogenannter «Revelator», bringt sie dazu, sich zu fragen, wie viel freien Willen sie eigentlich hat.

Als einer der schärfsten Köpfe des französischen Kinos war es für Bonello selbstverständlich, uns mit einem Kommentar zur Pandemie zu beglücken. Was überrascht, ist der dunkle Humor in Coma. Zwischen Essay und Fantasie angesiedelt, beleuchtet diese filmische Anomalie die väterlichen Bemühungen, sich in die Lage seiner Tochter hineinzuversetzen, und spiegelt die weit verbreitete Sorge um die Zukunft unserer Kinder wider. In immer neuen Formaten wie Animation und Stop-Motion werden Beobachtungen über die globale Erwärmung, die Geopolitik und unsere scheinbare Unfähigkeit, das, was wir sehen, zu analysieren, gemacht. Seltsame Obsessionen, ruchlose Vorbilder und schädliche Vorstellungen von den Geschlechterverhältnissen — es gibt viele Gründe, warum das virtuelle Leben Eltern Angst einjagen kann. Es sei denn, Sie wissen wie Bonello, dass Vertrauen das wichtigste Geschenk ist, das Sie Ihrem Kind machen können.

A little Love Package

von Gastón Solnicki

mit Angeliki Papoulia, Carmen Chaplin, Nikolaus Weidinger, Mario Bellatin, Han-Gyeol Lie

Österreich / Argentinien 2022

Wien, 2019 — das Ende einer Ära. Das Rauchverbot in öffentlichen Lokalen bedeutet, dass ein Teil der Kaffeehauskultur verschwunden ist. Ausgerechnet diesen Moment wählt Angeliki, um mit Hilfe ihrer Innenarchitektin Carmen eine Wohnung zu kaufen. Angeliki scheint gegen alle etwas zu haben: entweder knarren die Parkettböden, die Fliesen haben die falsche Farbe oder sie stört sich an der Nähe zu einem Restaurant. Wie soll sie in dieser Umgebung jemals ein neues Zuhause finden? 

Carmen hat das Gefühl, dass sie gegen eine Wand spricht. Außerdem kann sie einfach nicht verstehen, warum Angeliki sich weigert, sich von ihrem Geld zu trennen.

Der fünfte Spielfilm von Gastón Solnicki, der von Wien nach Andalusien über die von geheimnisvollen Schatten bedeckten Salinen führt, ist eine brillante Lektion in Großzügigkeit. Eine klassische, von Frauen dominierte Komödie, die Schauspieler und Nicht-Schauspieler in einer lebendigen, fragmentierten Geschichte zusammenführt. 

Erzählt von dem mexikanischen Schriftsteller Mario Bellatin und gefilmt von Rui Poças, ist dies eine subtile und witzige Hommage an die österreichische Hauptstadt, die in den gewöhnlichen Dingen den Glanz vergangener Zeiten entdeckt.

Zum Tod meiner Mutter

von Jessica Krummacher

mit Birte Schnöink, Elsie de Brauw, Johanna Orsini, Susanne Bredehöft, Gina Haller

Deutschland 2022

Als der Film beginnt, ist alles vorbei. «Wir wissen, dass es unheilbar ist, das ist alles», sagt Juliane über ihre Mutter Kerstin, die große Schmerzen hat und im Alter von nur 64 Jahren sterben wird. Der junge Arzt, den sie konsultiert, erkennt zwar persönlich an, dass jeder Mensch das Recht hat, seinen Tod selbst zu gestalten, erinnert sie aber daran, dass Sterbehilfe in Deutschland immer noch illegal ist. Dies gilt umso mehr für das katholische Hospiz, in dem Kerstin untergebracht ist. 

Als die Verwandten kommen, um sich von ihrer Mutter zu verabschieden, und sich die Emotionen der Erinnerungen mit der Vorfreude auf die Trauer vermischen, hat Juliane mit der Zeit zu kämpfen — unbeugsam, apathisch und monochrom — und das spiegelt sich hervorragend in den Zuckungen der Handkamera in weiten Einstellungen.

Jessica Krummachers zweiter Spielfilm erzählt auf der Grundlage eigener Erfahrungen eindringlich die schmerzliche Geschichte des Verlustes eines Elternteils. Es gibt keine Gewalt oder Morbidität, vielmehr beschreibt die Regisseurin das wichtigste Ereignis über die kleinsten, zerbrechlichsten Details — den Austausch von Worten, Texten und zärtlichen Gesten, die uns bleiben und unter die Haut gehen.

Brat vo vsyom (Brother in Every Inch)

Die Brüder Mitya und Andrej wünschen sich nichts sehnlicher, als die Lüfte zu erobern und Jets zu fliegen. Um dies zu erreichen, absolvieren sie eine Ausbildung zum russischen Militärpiloten. Die Zwillinge passen aufeinander auf — in jeder Situation. Fällt einer bei einer Theorieprüfung durch, springt der andere ein. Bei den praktischen Übungen ist es umgekehrt: Wenn Dmitris Gleichgewichtssinn versagt, hilft ihm Andrej bei der Ausbildung. Die Abnabelung wird zur Herausforderung: Die Eignungsprüfung steht an und die damit verbundenen Testflüge werden für alle zu einer extremen Erfahrung. Nicht nur ihr Fluglehrer (auch im wirklichen Leben ein Pilot) erkennt, dass zwischen den Brüdern Haftkräfte anderer Art herrschen.

In seinem Debütfilm “Eine russische Jugend” überraschte Alexander Zolotukhin mit detaillierten Schilderungen von technischen Praktiken im Militär, die Menschen an ihre psychophysischen Grenzen bringen. Nachdem er sich in diesem Film für verfremdende, körnige Bilder und ein historisches Setting entschieden hatte, erweitert er in seinem neuen Werk sein stilistisches Spektrum und landet in der Gegenwart, mit einem Thema, das nicht weniger universell ist. Seine Helden sind zarte Wesen mit Gleichgewichtsproblemen in einer Welt, die nach Zähigkeit schreit. 

Neben dem oben erwähnten “Brother in Every Inch” werden die folgenden Filme aus den GUS-Ländern in einer Vielzahl von 72. Berlinale Programmen gezeigt: 

Panorama Program

Produkty 24

Convenience Store

von Michael Borodin

mit Zukhara Sanzysbay, Lyudmila Vasilyeva, Tolibzhon Suleimanov, Nargiz Abdullaeva, Asel Tuytubaeva

Russische Föderation / Slowenien / Türkei 2022

Im Hinterzimmer eines kleinen Supermarktes in einem Moskauer Vorort wird eine bescheidene Hochzeit gefeiert. Eine harmonische Gemeinschaft von Arbeitsmigranten, könnte man meinen. Doch das Gesicht von Mukhabbat sieht besorgt aus. Die Usbekin ist eine Gastarbeiterin bei «Produkty 24». Obwohl sie schwanger ist, schuftet sie Tag und Nacht auf engstem Raum als Mitglied einer Pseudo-Familie von Arbeitern unter der eisernen Herrschaft der Ladenbesitzerin Zhanna. 

Wer nicht gehorcht oder gar zu fliehen versucht, wird brutal misshandelt. Währenddessen schaut die Polizei weg und macht sogar mit, indem sie sich kostenlos an allem im Laden bedient — sogar an den Menschen. Doch als Mukhabbat nicht nur ihr Pass, sondern auch das Wichtigste in ihrem Leben weggenommen wird, beschließt sie, auszubrechen.

Michael Borodins Spielfilmdebüt ist eine kühne und alarmierende Reise in das Herz der Finsternis, die moderne Sklaverei. Während wir seine zurückhaltende Heldin aus der klaustrophobischen Düsternis der russischen Metropole in die weiße Weite der usbekischen Heimat des Regisseurs begleiten, verwandelt sich der Film von einer Horrorgeschichte in einen Roadtrip und zeigt uns auf bisweilen surreale Weise die Lebenswirklichkeit im neuen Russland. Er basiert auf dem wahren Fall der sogenannten «Goljanowo-Sklaven», der 2016 ans Licht kam und der russischen Justiz und Politik weiterhin ein Dorn im Auge ist. Dieser Film könnte Leben retten

Klondike

von Maryna Er Gorbach

mit Oxana Cherkashyna, Sergiy Shadrin, Oleg Scherbina, Oleg Shevchuk, Artur Aramyan

Ukraine / Turkey 2022

Die hochschwangere Irka lebt mit ihrem Mann Tolik in einem Dorf in der Region Donezk in der Ostukraine. Es ist Juli 2014 und an der nahen russisch-ukrainischen Grenze wird gekämpft. Im Wohnzimmer ihres Hauses fehlt eine Wand, die den Kämpfen zum Opfer gefallen ist. Dadurch wird der Blick auf die karge Landschaft frei, die zum Kriegsschauplatz wird. Trotzdem weigert sich Irka, ihr Haus zu verlassen. Während Toliks separatistische Freunde von ihm erwarten, dass er sich ihrem Kampf anschließt, beschuldigt Irkas Bruder ihn, die Ukraine zu verraten. Als in der Nähe ein Flugzeug der Malaysian Airlines abstürzt, halten Irka und Tolik dies zunächst für einen weiteren kriegerischen Akt. Doch der Abschuss des Passagierfluges MH17 durch eine russische Abwehrrakete ist ein Unfall.

Regisseurin Maryna Er Gorbach entfaltet ihr sensibles Familiendrama vor dem Hintergrund eines militärischen Konflikts. Gekonnt verwebt sie die persönliche und die politische Geschichte des Konflikts in der Ukraine und zeichnet mit behutsam einfühlsamer Kamera und hervorragenden Schauspielern ein eindringliches Porträt des banalen Grauens des Krieges

Baqyt (Happyness)

von Askar Uzabayev

mit Laura Myrzakhmetova, Yerbolat Alkozha, Almagul Sagyndyk, Dias Myrzakhmet, Azharlym Magzum

Kazakhstan 2022

Eine Frau steht vor dem Spiegel. Sie ist schön, hat ein markantes Gesicht und starke Wangenknochen. Sie spannt sich an, ein letzter Rest von Selbstachtung treibt sie an. 

Ihr Körper ist schwarz und blau von den Spuren jahrelanger Misshandlungen. Sie hüllt ihn in das orangefarbene Kleid, das für ihr Arbeitsleben steht. In dieser Welt ist sie eine erfolgreiche Influencerin, die für eine Produktlinie namens «Happiness» wirbt, die — wie sie in ihren hypnotischen Verkaufsgesprächen demonstriert — Frauen attraktiv und glücklich machen soll. 

Doch zu Hause regiert der Terror, auch im Haus ihrer frisch verheirateten Tochter. Ein selbstbestimmtes Leben ist etwas, wovon eine Frau in Kasachstan nicht einmal zu träumen wagt.

Askar Uzabayevs täuschend ruhiges, anspruchsvolles und hartnäckiges Werk untersucht das weltweite Phänomen der häuslichen Gewalt und bricht es hier im Kontext frauenfeindlicher kasachischer Rituale herunter. Dieser Film hinterlässt Spuren bei jedem, der bereit ist, sich mit der Brutalität des durchschnittlichen (verheirateten) Mannes und der dadurch ausgelösten Unterdrückungsspirale auseinanderzusetzen. Den Mut zu haben, nicht wegzuschauen, sondern die Stimme zu erheben und sich zu wehren, ist genau das, worum es in diesem Film geht. Bayan Maxatkyzy, eine prominente TV-Bloggerin mit Millionen von Anhängern, hat den Weg gewiesen. Baqyt, den sie selbst produziert hat, ist ihr Vermächtnis.

Es gibt sogar eine russische Serie auf der diesjährigen Berlinale, aber leider ist sie nicht für ein breites Publikum zugänglich. Der Film wird auf dem Festival nur den Teilnehmern des International Film Market gezeigt. 

Einige weitere vielversprechende Filme aus dem Panorama-Programm

TAURUS

von Tim Sutton

mit Colson Baker, Maddie Hasson, Scoot McNairy, Megan Fox, Demetrius ‘Lil Meech‘ Flenory Jr.

USA 2022

Der Rapper Cole schlängelt sich durch eine giftige Mischung aus Gefühllosigkeit, Narzissmus und Entfremdung. Nachdem es dem frisch geschiedenen Musiker gelungen ist, fast jede Beziehung, die er je hatte, zu zerstören, lässt er nun seine junge Tochter im Stich, genau wie alle anderen um ihn herum. Gerade von einer anstrengenden Tournee zurückgekehrt, ist er auf der Suche nach Inspiration für seinen nächsten Song. Seine persönliche Assistentin Ilana versucht, ihn und alles um ihn herum zusammenzuhalten. Aber irgendwo zwischen den Studioaufnahmen, den — manchmal produktiven, manchmal verstörenden — Begegnungen mit musikalischen Mitstreitern, den Treffen und Interviews, den Paparazzi, den Drogendealern und den Prostituierten hat dieser Musiker völlig den Faden verloren.

In Tim Suttons Porträt eines gebrochenen Mannes gibt es keine Spur von Metamorphose, Erkenntnis oder Vergebung. Er zeichnet einen stetigen Abstieg. Der Regisseur verzichtet auf psychologische Deutungen und Rockstar-Klischees und zeigt uns stattdessen die Sucht, den Ruhm und die Mechanismen der Musikindustrie. Dieser radikale, aufwühlende Film ist so schmerzhaft authentisch wie die Tattoos, die den Körper des Rappers und Hauptdarstellers Colson Baker, auch bekannt als Machine Gun Kelly, bedecken.

A Love Song

von Max Walker-Silverman

mit Dale Dickey, Wes Studi, Benja K. Thomas, Michelle Wilson, John Way

USA 2022

Ein abgelegener See in der nordamerikanischen Landschaft. Der Sand ist gelb, der Himmel blau und die Berge in der Ferne; weit und breit gibt es keinen Baum, der Schatten spendet. 

Faye verbringt ihre Tage hier in einem Wohnwagen, mit zwei Büchern und einem Radio, um in aller Ruhe Vögel und Sterne zu beobachten. Mit ihrer drahtigen Statur, ihrem wilden blonden Haar und ihren Händen, die von einem Leben voller Arbeit zeugen, passt sie perfekt hierher. Alles, was kaputt geht, repariert sie einfach; nur wenn es an der Tür klopft, steht sie auf und nimmt es zur Kenntnis. 

Denn Faye wartet auf Lito. Ihre Verbindung geht auf ihre Jugendliebe zurück, aber seit einigen Jahren teilen sie auch den Schmerz des Verlustes — beide sind verwitwet.

Max Walker-Silvermans sanfter, lakonischer Film handelt von kontemplativer Introspektion, der Kraft der Liebe und den Abgründen der Melancholie. Dale Dickeys Darstellung der Faye ist eine berührende Mischung aus innerer Stärke und Zerbrechlichkeit, die sich auch in der beeindruckenden Naturkulisse und einem zarten Soundtrack widerspiegelt.

Nel mio nome

von Nicolò Bassetti

mit Leonardo Arpino, Nicolò Sproccati, Raffaele Baldo, Andrea Ragno

Italien 2022

Vier Freunde — Nic, Leo, Andrea und Raff — erzählen die Geschichte ihrer Geschlechtsumwandlung. Sie blicken zurück auf ihre Kindheit und Jugend und teilen ihre persönlichen Erinnerungen und Erfahrungen. Auch wenn sie nicht immer den gesellschaftlichen Normen von Weiblichkeit entsprachen — alle vier wurden als Mädchen sozialisiert. So unterschiedlich ihre Geschlechterbiografien auch sein mögen, so gibt es doch Parallelen. Das hilft ihnen, sich gegenseitig zu verstehen und sich weniger allein zu fühlen. Die Gespräche mit den Partnern, die Wahl der Pronomen, die Hormontherapie, Entscheidungen über Operationen und der Umgang mit den Behörden — die Prozesse sind vielfältig und langwierig. In der streng binären Welt, in der wir leben, ist die Entscheidung, die eigene Geschlechtsidentität zu bestimmen, ein subversiver Akt.

Nel mio nome gibt Trans-Personen einen Raum, um ihren persönlichen Weg zu ihrer eigenen Identität mit dem Namen zu beschreiben, den sie für sich selbst gewählt haben. Der Film ist auch eine offene und sensible Darstellung der Hürden, die sie in der Gesellschaft überwinden mussten, um die notwendigen sozialen, physischen und rechtlichen Veränderungen durchzusetzen.

Produziert von Elliot Page, der die in dem Film behandelten Themen aus erster Hand kennt.

Grand Jeté

Panorama

von Isabelle Stever

mit Sarah Nevada Grether, Emil von Schönfels, Susanne Bredehöft, Stefan Rudolf, Maya Kornev

Deutschland 2022

Nadjas Körper ist gebrochen. Ihre Zehen bluten und sie hat Ekzeme am Hals, die wie blaue Flecken aussehen. All die harte Arbeit, die sie als Ballerina geleistet hat, macht sich bemerkbar, und heute verbringt sie ihre Zeit damit, jungen Mädchen das Tanzen beizubringen. Sie war selbst noch ein Mädchen, als sie einen Sohn, Mario, bekam, den sie bei ihrer Mutter ließ. Mario verbringt seine Zeit damit, seinen Körper jeden Tag im Fitnessstudio zu trainieren. Seine Mutter hat er schon sehr lange nicht mehr gesehen. Man sagt, Nadja habe keine mütterlichen Züge in ihrem Körper. Doch dann steht sie eines Tages vor seiner Haustür und will sich für ihren Sohn interessieren. Als sie seinen Körper sieht, will sie ihn anfassen. Und das tut sie auch, immer öfter.

Im neuen Film von Isabelle Stever gibt es keine Grenzen. Es gibt auch keine Tabus. Und sie urteilt auch nicht. Nur eine Mutter und ein Sohn, die sich allmählich näher kommen, auch körperlich. Sarah Nevada Grether und Emil von Schönfels wagen etwas, was nur wenigen Schauspielern zugemutet wird und selten zu sehen ist. Indem die Kamera ihre Körper im Halbdunkel, unscharf, von oben und von hinten einfängt, findet sie eine Bildsprache von verstörender Semantik. Alles an diesem Film ist kompromisslos und radikal. Alles ist eine Ausnahme. Und was am Ende bleibt, ist der Körper einer Mutter.